von Lena Buß

Sprache - Wirklichkeit - Gesellschaft

"Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto zu einem Fußballspiel. Sie haben einen Unfall auf der Landstraße. Der Vater stirbt noch am Unfallort und der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, er muss operiert werden. Ein Arzt eilt in den OP, tritt an den Operationstisch heran, auf dem der Junge liegt und wird kreidebleich und sagt: „Ich bin nicht im Stande zu operieren. Das ist mein Sohn.“

Wie? Lebt der Vater doch noch, ist es ein gleichgeschlechtliches Paar? War es nicht der leibliche Vater, der gestorben ist? Oder wurde hier stillschweigend davon ausgegangen, dass „Arzt“ ein geschlechterneutraler Begriff ist und so Mann und Frau gleichermaßen meint?

Der Arzt ist eine Frau. Falls Sie an einen Mann gedacht haben, ist das nicht verwunderlich. Die Verwendungen von männlichen Formen, bei denen Frauen „mit gemeint“ sind, sind sehr verbreitet.

Gendersensible Sprache- wozu?

Sprache konstruiert unsere Wirklichkeit- ohne dass wir das beeinflussen können. Oder versuchen Sie mal nicht an einen rosa Elefanten zu denken. Was wir aber beeinflussen können, das ist die Sprache, die wir verwenden und das kann jeder und jede für sich tun. Achtung hier kommt es: mit gendersensibler Sprache.

Egal ob mit Sternchen, einem Unterstrich, der Doppelnennung oder dem Binnen-I, bei dem eine kurze Pause gemacht wird und dann – Innen drangehängt wird, es gibt viele Möglichkeiten in der eigenen Sprache auf das Vorhandensein von Menschen aufmerksam zu machen, die keine Männer sind.

„Ist doch klar, dass die Frau bei der männlichen Form mit gemeint ist, das hört sich doch furchtbar an“-Nein, sonst hätten wir im Beispiel oben auch mehrheitlich an eine Frau gedacht. Das generische Maskulin -so nenn man die verallgemeinernde Form ist problematisch, weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass alle Formen mitgedacht werden. Erst als Frauen wählen durften gab es z.B. die Wählerin in unsrer Alltagssprache. Berufsbezeichnungen waren bis in die 90er Jahre hinein überwiegend maskulin und zeigten, dass es in der Vergangenheit Männern vorbehalten war, diese Berufe auszuüben. Heute ist doch selbstverständlich, dass wir Kauffrau sagen, obwohl dies in den 70er Jahren große Diskussionen entfachte1.

Sprache bildet nicht nur unsere Wirklichkeit, sondern auch unsere gesellschaftlichen Strukturen ab.

Zu jeder Kommunikation gibt es eine sendende und eine empfangende Person. Selbst wenn die sendende Person Frauen mit meint, zeigen Studien, dass bspw. bei der Frage nach Lieblingssportlern deutlich mehr Männer aufgezählt werden, als bei der Frage nach Lieblingssportler- und sportlerinnen (Journal of Language and Social Psychology).

Veränderung fängt immer in unseren Köpfen an…Denken wir also mal in die Zukunft: Eine belgische Studie2 mit 591 deutschen und belgischen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren bekamen 16 Berufsbezeichnungen vorgestellt. Präsentiert wurden überwiegend männlich konnotierte Berufe z.B. Maurer, Astronaut sowie typisch weiblich z.B. Kosmetikerin und neutral (Sänger) codierte Berufe. In der Kontrollgruppe nutzte die Lehrerin das generische Maskulinum, in der Experiment-Gruppe verwendete sie die geschlechtergerechte Paarform („Ärzte und Ärztinnen heilen Krankheiten“).

Im ersten Teil der Studie wurden dann die Kinder gefragt, wie sie Status und Gehalt des jeweiligen Berufes einschätzen und im zweiten Teil sollten sie beantworten, ob sie sich zutrauen, diesen Beruf später einmal auszuüben. Es zeigte sich, dass wenn für typische Männerberufe auch die weiblichen Bezeichnungen verwendet werden, sich mehr Mädchen vorstellen, diesen Beruf zu ergreifen. Bei Jungen ist es mit „typischen“ Frauenberufen ebenfalls so, sobald die männliche Form verwendet wird3. Es ist also gleichermaßen gewinnbringend, wenn Kinder, die irgendwann in das Arbeitsleben treten sich unabhängig von der gesellschaftlichen Konnotation entscheiden können.

Übrigens ist es ganz typisch, dass wir uns gegen diese Bezeichnungen sträuben: “Eine Verletzung der stereotypen Geschlechtszuordnung löst ähnliche Aktivierungen aus wie Sätze mit Pronomenfehler“, so Evelyn Ferstl, Professorin für Kognitionswissenschaft an der Universität Freiburg4.

Nun zu den Möglichkeiten:
  • Die Beidnennung: Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher
  • Splitting: Die Besucherin/ der Besucher
  • Das Binnen I: BesucherInnen
  • Gender-Gap für alle Geschlechter bzw. die Repräsentation jenseits des binären Systems von Mann und Frau: Student_innen, Mitarbeiter_innen, Rektor_innen oder Student*innen, Mitarbeiter*innen 
  • Genderneutrale Personenbezeichnungen: Person, Studierende, Dozierende, Besuchende
  • Ableitungen auf -ung, -ion, -ium, -kraft usw.: Servicekraft, IT-Beratung

Ich sehe die gendersensible Sprache lediglich als wirklichkeitsschaffenden Versuch das Ziel der tatsächlichen Gleichberechtigung zu erreichen. Es ist freiwillig, ob wir sie benutzen und es schadet niemand, gleichwohl sollte sich auch niemand daran stören, wenn sie benutzt wird. Allein es mal auszuprobieren schadet nicht, vielleicht passiert etwas Unerwartetes in unseren Köpfen?

 

 

 

1http://gleichstellung.uni-saarland.de/beratung-und-service/leitfaden-fuer-eine-gendersensible-sprachpraxis/                                                     2Dries Vervecken, Bettina Hannover: Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. In: Social Psychology Nr. 46 (2015), S. 76–92.                                                                                             3https://www.tagesspiegel.de/wissen/studie-zu-gender-in-der-sprache-kinder-und-stereotype/12023190.html                                   4https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.gleichberechtigung-in-der-sprache-nur-wer-von-frauen-spricht-meint-sie-auch.39a3ca8e-d760-4eac-a9ad-c50ca1e64966.html                                                                                                                                                                 

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay


Über Lena Buß

Kulturwissenschaftlerin, aufgewachsen in Offenburg. Mit European Talk folgt sie ihrem Bedürfnis nach einer bewussten und zukunftsorientierten Sprache. Bachelorstudium in Kulturanthropologie und VWL an der Universität Freiburg, aktuell im Masterstudium.

Zurück

Einen Kommentar schreiben